SVEN KATMANDO CHRIST author, food styling, recipe development, editorial – all about food

Rauchzeichen

Die Gams glotzt. Steht auf der verschneiten Straße, die hier nur Fahrzeugbreite hat und nach links steil abfällt. Glotzt noch mal kurz und springt in den Bergwald, als ob die Widrigkeiten des Winters für sie keine Bedeutung haben. Für uns schon. Weil wir so abrupt gebremst haben, hängt jetzt die Karre am Berg, die Räder drehen im Schnee durch. Also Ketten aufziehen. Ja, wir fahren in die Berge. Hüttenromantik heißt die Atmosphäre, die wir suchen. Zusammenrücken, auf kleinem Raum mit wenig auskommen, und trotzdem Ruhe für sich selbst finden. Ehemalige Jagd- und Schutzhütten gibt es zuhauf in den Alpen, und sie sind heiß begehrt, ob ein Skigebiet in der Nähe ist oder nicht. Eine gute Stunde später sind wir am Ziel, und es ist herrlich. Die kalte Luft brennt leicht in der Lunge, die Berge liegen in der Dämmerung, obwohl es erst halb vier ist. Alles um uns herum leuchtet irgendwie blau. Der Hüttenwirt hat uns den Schlüssel hinterlegt, auf der Ofenbank liegt karierte Bettwäsche bereit. Die Alpenküche spiegelt die Lebensbedingungen der Region wider, nahrhaft, einfach, aus lang lager- baren Lebensmitteln hergestellt und für Selbstversorger ausgelegt. Im Alpenraum trifft man sich noch zum Schlachten und gemeinsamen Wursten, macht Käse und handelt damit, trinkt Apfelsaft aus Früchten von Bäumen auf den eigenen Wiesen. Der Speck reift am Kamin. So möchten wir auch leben: Einfach mal auf eine Hütte, weg von allem, so ähnlich wie Henry David Thoreau in seiner Erzählung Walden, auch wenn wir nur kurz bleiben – nicht zwei Jahre, wie er. Aber auch wir freuen uns nach ein paar Tagen wie Kinder über den Besuch eines Eichhörnchens. Und über den Reiz des archaischen Lebens. Mal wieder Feuer machen! Mal wieder allein da draußen in der Natur sein und sich gehörig erschrecken, wenn der Wind am Fensterladen rüttelt. Die Hütte als Sehnsuchtsort: Hier reduziert sich alles aufs schiere Dasein, auf Grundbedürfnisse wie Wärme, Essen, Freunde. Und wer schon mal dabei ist, alles auf den Berg zu bringen, kann sich auch noch für etwas anderes Gutes entscheiden: Die meist einfache Ausstattung der Hütten birgt die Chance, endlich mal wieder auf offenem Feuer zu kochen, zum Beispiel draußen, ja, im Winter zu grillen! Oder das Fleisch im Kamin oder im Kachelofen zu garen! Wir haben gusseiserne Töpfe im Gepäck, gutes Fleisch von Almrindern, Speck aus der Region, Wein, Bier und eine Axt zum Holzhacken. Für alle, die es daheim noch gemütlicher finden: eine karierte Tischdecke aus dem Schrank holen und loslegen, alle Rezepte auf den folgenden Seiten können auch zu Hause gekocht werden; und wer einen Grill im verschneiten Garten stehen hat oder gar einen Kamin im Wohnzimmer, der ist noch besser dran. SVEN CHRIST

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Sven Katmando Christ
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